Wadenwickel statt Zäpfchen

„Warum werden die Menschen krank?“ Die Frage meiner fast dreijährigen Tochter lässt mich innehalten. Eine gute Frage! Ich schaue meine Tochter an und muss lächeln. Sie steht im Schlafanzug und mit nackten Füßen vor mir in der fußkalten Küche und schaut mich mit großen Augen an. Ich antworte „Die Menschen werden krank, wenn sie nicht gut auf sich aufpassen und sich zum Beispiel nicht warm genug anziehen“ und deute auf ihre nackten Füße. Dass meine Tochter noch nie richtig krank war, ist für mich ein großes Geschenk. Sie hatte zwar schon Schnupfen, Husten und Fieber, aber von lästigen Arztbesuchen und Medikamentengaben blieb sie bisher verschont. So verhält es sich auch bei meinem einjährigen Sohn. Vielleicht Zufall, vielleicht Glück – vielleicht aber auch Ausdruck eines starken Immunsystems.

Kinder kommen nicht mit einem fertigen Immunsystem auf die Welt. Es reift innerhalb der ersten drei Lebensjahre erst aus und stellt sich damit auf die Umgebung ein, in der unsere Kinder aufwachsen. Jede Infektion, jeder banale Infekt, jede Kinderkrankheit ist ein Trainingscamp für die Abwehrkräfte. Lassen wir das Immunsystem unserer Kinder arbeiten, verfügen sie als Erwachsene über ein Abwehrsystem, das mit den gesundheitlichen Herausforderungen eines ganzen Lebens umzugehen weiß. Was für wunderbare Selbstheilungskräfte – die wir häufig gar nicht mehr verstehen und sie deshalb gering schätzen. Ganz selbstverständlich greifen wir dann in die wichtige Arbeit des Immunsystems ein. Eine Krankheit ohne die Einnahme von Medikamenten durchzustehen, können sich viele kaum noch vorstellen. Fiebersenkende Mittel, Antibiotika und Cortison-Präparate gehören heute so selbstverständlich zur Krankheit wie Butter, Käse und Wurst zum Brot. Die zunehmenden Allergien und Autoimmunerkrankungen zeigen an, dass viele Immunsysteme ihre Orientierung verloren haben – harmlose Substanzen werden dann für gefährliche Erreger gehalten. Je häufiger ein Immunsystem bei der Arbeit gestört wird, desto anfälliger ist es.

Antibiotika sind in den meisten Fällen nicht notwendig. Abgesehen von schweren Krankheiten wie einer bakteriellen Lungenentzündung gibt es in der Medizinliteratur wenig Belege dafür, dass frühzeitiger Antibiotika-Einsatz irgendwelche Vorteile für die Patienten bringt – weder bei einer Nasennebenhöhlenentzündung noch bei chronischer oder akuter Bronchitis. Europäische Studien zeigen sogar, dass es Kindern in 80% aller Fälle besser geht, wenn sie keine Antibiotika einnehmen. Durch den Einsatz von Antibiotika kann der Organismus nicht lernen, Infektionen selbständig abzuwehren. Oft erfordert die nächste Infektion wiederum den Einsatz von Antibiotika. Auch durch die eingesetzten Antibiotika in der Landwirtschaft gelangen mit unserem Fleischkonsum resistente Bakterien in den menschlichen Körper (siehe Antibiotika im Fleisch). Der übermäßige Antibiotika-Einsatz in Medizin und Landwirtschaft führt zu multiresistenten Bakterienstämmen, die zahllose Menschenleben fordern. Mit diesem Kreislauf werden Antibiotika selbst zum Gesundheitsrisiko.

Antibiotika stören aber auch die Fähigkeit unseres Immunsystems, Fieber zu erzeugen. Heute fiebern viele Menschen nicht mehr – der Großeinsatz unseres Immunsystems gegen Viren, Bakterien oder in Frühstadien von Krebs fällt aus. Die Zerstörung der evolutionär gestählten Brandmauern unserer Immunsysteme setzt sich fort.

Dank unserer Heilpraktikerin überstehen meine Kinder auch 40 Grad Fieber ohne Medikamente. Statt Fieber-Zäpfchen gibt es die altbewährten Wadenwickel und eine intensive Betreuung. Mittlerweile weiß ich, worauf ich achten muss. Und mit jedem überstandenen Fieber ist meine Angst immer mehr einem guten Gefühl gewichen.

Im Krankheitsfall nicht zur Pille zu greifen, sondern auf die Selbstheilungskräfte unseres Körpers zu vertrauen, ist nicht besonders populär. Nicht umsonst ist die Pharmabranche der profitträchtigste Industriezweig der Welt. Sie ist für den revolutionären Wandel in der Medizin verantwortlich, der uns Individuen zu Zielgruppen macht, die von PR-Experten kräftig umworben werden. Es geht nicht um den gesunden Menschen, sondern um den eingebildeten Kranken. Pfizer, das – mit einem Umsatz von 67,4 Mrd. USD in 2011 – größte Pharmaunternehmen der Welt, wirbt auf seiner Homepage mit dem Slogan: „Weil eine gesündere Welt unseren Einsatz braucht“. Dieser Slogan ist pervers, bedenkt man, dass Pfizer 1996 ein verbotenes Antibiotika an Kindern in Nigeria mit schwerwiegenden Folgen getestet hat und 2004 wegen einer Reihe krimineller Verfehlungen gerichtlich belangt wurde. Die Marketingleute des Viagra-Herstellers haben es tatsächlich geschafft, aus Neurontin, einer Pille mit exotischem Einsatzgebiet, einen Bestseller zu machen – sehr zum Schaden der Anwender. 90% des weltweiten Umsatzes stammten zuletzt aus Anwendungen, für die das Medikament nicht zugelassen war. Daran haben Gerichtsverfahren und Geldstrafe leider nichts Wesentliches verändert.

Wir sollten gut auf uns und unsere Kinder aufpassen. Manchmal ist eben weniger mehr!

Zur vertiefenden Lektüre empfehle ich Euch das Kapitel ‚Lass dich nicht krankreden‘ in „Die Lebensformel“ von Bert Ehgartner. Und für alle Aspirin-Liebhaber: http://www.gesundheitlicheaufklaerung.de/die-aspirin-luge-vom-wundermittel-zum-krankmacher

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