Mit dem Samen fängt es an

Auch wenn ich frisches Gartengemüse schon immer gern hatte, habe ich mich für die zugrunde liegenden Samen nie besonders interessiert. Der Film „Good food, bad food – Anleitung für eine bessere Landwirtschaft“ hat das schlagartig geändert. Er hat sich in meinem Kopf festgesetzt und ist Auslöser für das Paket, dass ich gerade in Empfang genommen habe. Darin sind Samen, die ich beim Biosaatguterzeuger Dreschflegel bestellt habe, um sie im Frühjahr auf unserem Gartenbeet zu säen. Es sind Samen von alten Gemüsesorten – Pflanzen, die uns über Generationen ernährt haben. Diese Samen gewerblich zu vertreiben ist verboten, weil sie nicht in der EU-Sortenliste aufgeführt sind. Kaum zu glauben, aber wahr!

Von den Kulturpflanzensorten, die es vor 100 Jahren noch in Europa gab, sind mittlerweile über 90% ausgestorben; weltweit sind es 75%. So gab es zum Beispiel in Indien noch vor 40 Jahren ca. 200.000 Sorten Reis. Heute sind es gerade einmal 50. Die moderne Landwirtschaft hat leider keinen Platz mehr für Vielfältigkeit.

Alte Nutzpflanzen bieten geschmackliche Vielfalt, sind robust, brauchen weniger Pflege und kommen überdies ohne Chemie aus. Sie liefern jedoch weniger Ertrag als die Hochleistungssorten aus dem Supermarkt. Für die industrielle Landwirtschaft sind Pflanzen geeignet, die möglichst gleichförmig sind und gute Eigenschaften für die Weiterverarbeitung besitzen. Monokultur und Verschwendung gehören ebenso zur modernen Landwirtschaft wie die Züchtung schädlingsresistenter und chemieverträglicher Pflanzen mithilfe der Gentechnik.

Mit dem Einsatz von Chemikalien und massiver Pflugtechnik wird die natürliche biologische Aktivität in den Böden vernichtet. Wichtige Mikroben, die den Boden auflockern und so bewirken, dass Wasser und Sauerstoff aufgenommen werden, werden getötet. Die Erde verdichtet sich so stark, dass Wurzeln nicht mehr tief in den Boden eindringen können. Unsere Böden sind tot und bringen nur noch etwas zustande, weil wir Kunstdünger verwenden. Dabei gibt es Mikroben und Kompost umsonst – aber mit ihnen allein lässt sich kein Geld verdienen.

Wie man MIT der Erde lebt, haben wir verlernt. Stattdessen agieren wir fröhlich nach dem Prinzip „Produzieren und Zerstören“. Das Ziel, die Menschen mit gesunden Pflanzen und gesunden Tieren zu versorgen, ist unter die Räder der globalen Ernährungsindustrie gekommen. Der überwiegende Teil unserer Nahrung macht uns eher krank als uns gesund zu halten (siehe Tiere, siehe Brot). Als Dank bekommt die Landwirtschaft Subventionen und die Industrie erwirtschaftet satte Gewinne. In vielen Teilen der Welt haben wir mit unserem landwirtschaftlichen Hochleistungsmodell gefährliche Abhängigkeiten geschaffen und liefern die nun benötigten Maschinen, Kunstdünger und Pestizide.

Dazu kommt das Geschäft mit dem Saatgut. Das Saatgut steht am Beginn der Nahrungskette und wurde seit Urzeiten von den Bauern selbst erzeugt. Heute werden 75% der Gemüsesamen weltweit von fünf multinationalen Konzernen kontrolliert. Es ist ein geschlossener Markt entstanden, in dem Eigensorten mit ihrer Fähigkeit sich selbst zu reproduzieren verschwunden sind. Sie wurden durch F1-Hybriden ersetzt, deren Samen steril oder degenerativ sind. Damit verfügt der Landwirt nicht mehr über eigenes Saatgut, sondern muss jedes Jahr neue Samen kaufen. F1-Hybriden sind so gezüchtet, dass sie wiederum den ganzen technischen Input, Pestizide und künstlichen Dünger benötigen. So wird mit der Art des Saatguts die Form der Landwirtschaft manifestiert.

Die globalen Folgen dieses Systems sind dramatisch. Je mehr Nahrung zur Ware wird, desto mehr Menschen verhungern. Die auf kleinbäuerlichen Betrieben basierende Landwirtschaft war in vielen Teilen der Erde die wirtschaftliche Basis, die nun zugrunde geht. In Indien nehmen sich durchschnittlich zwei Bauern in einer Stunde das Leben, weil sie ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden. Agrarwirtschaftliche Autonomie führt nicht nur zum Erhalt der biologischen Vielfalt und der Fruchtbarkeit der Böden, sondern ermöglicht auch den Familien, auf ihrem Land zu bleiben und sich selbst zu ernähren.

Die WHO hat bereits 2007 verkündet, dass die biologische Landwirtschaft die ganze Weltbevölkerung ernähren kann – und das ohne Umweltschäden. Da biologische Landwirtschaft nicht mit den Techniken der industriellen Landwirtschaft funktioniert, sollten wir zu den Techniken der einfachen Familienlandwirtschaft zurückkehren und gesunde Nahrungsmittel im Einklang mit der Natur herstellen. Dafür müssen wir uns unabhängig machen und den Welthandel zum großen Teil wieder auf die lokale Ebene zurückführen.

Wie kann das konkret aussehen? Nicht jeder von uns kann und will auf dem Land leben und Gemüse anbauen. Aber wir können die landwirtschaftliche Dimension wieder in unser Leben integrieren. Wer in der Stadt lebt, kann an urbanen Landwirtschaftsprojekten mitwirken oder sich mit denen solidarisieren, die auf dem Land leben. Wir können uns als Gruppe zusammenschließen und z. B. für ein Jahr im Voraus unsere Nahrungsmittel an den Bauernhof bezahlen, von dem wir sie beziehen. Wir können in Hof-, Bio- und Eine-Welt-Läden einkaufen oder auf Bauernmärkten mit den Produzenten direkt in Beziehung treten. Wenn wir wissen wollen, was wir essen, müssen wir die Verbindung vom Feld zum Tisch wieder herstellen. Als Verbraucher können wir uns am besten gegen die Macht der Multinationalen Konzerne wehren, indem wir ohne sie auskommen.

In den kommenden Monaten werden die Weichen gestellt für eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik bis 2020. Vor diesem Hintergrund findet morgen eine Demonstration statt für eine bäuerlich-nachhaltige Landwirtschaft, für den Respekt vor den Tieren und für das Menschenrecht auf Nahrung! Unter dem Motto „Wir haben es satt! Wir wollen Bauernhöfe statt Agrarindustrie!“ startet um 11.30 Uhr am Berlin Hbf (Washingtonplatz) ein Demonstrationszug in Richtung Regierungsviertel. Weitere Details und Hintergrundinformationen findet Ihr unter: http://www.wir-haben-es-satt.de/

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3 Antworten zu Mit dem Samen fängt es an

  1. Herr Misch schreibt:

    Die Frau Nagel hat den Herrn Kopf getroffen. Ob es Liebe wird?

  2. martin schreibt:

    FR. SCHIBBELDISKO
    …in der Markthalle IX Eisenbahnstrasse 42/43

    Was?
    Circa 750 kg knubbeliges, unschönes und ungewolltes Gemüse (zu klein, zu groß, zu dick] werden von uns Für die Protestsuppe geschnippelt. Dazu legen auf DJ decent und DJ Fog Puma.

    Wie, Protestsuppe?
    Die Suppe soll 4.000 Menschen auf der ,,WIR HABEN ES SATT? Demo am Samstag 21.01. in Berlin glücklich machen. Unsere Köche: Wam Kat, Fahrende Gerüchte Küche und Food for Action Was Ihr dazu braucht: Eure Ohren, Küchenmesser, Sparschäler. Wurzelbürsten, Schneidebretter und alles, womit Ihr dem knubbeligen Gemüse auf die Pelle rücken könnt. …und was zu trinken, wäre auch nicht schlecht.

    Wer steckt dahinter:www.wir-haben-es-satt.dewww.youthfoodmovement.dewww.slowfood.de Wer unterstützt uns: http://www.markthalleneun.dewww.lemonaid.dewww.greenmusicinitiative.d?ewww.projekt-umdenken.de Wir danken den vielen Bauern, Produzenten und Händlern, die Lebensmittel für die Aktion gespendet haben.

    • Tobi schreibt:

      Ich habe brav Deinen Blog gelesen und bin trotzdem nicht hingegangen… – wäre ich glaub ich auch nicht, wenn ich in Berlin gewesen wäre. Aber trotzdem hat mir Dein Artikel gefallen. Du hast nicht nur einen angenehmen Schreibstil, auch inhaltlich ist es fundiert, reflektiert und überzeugend, was Du schreibst. Das gilt auch für die anderen Artikel. Natürlich stimme ich Dir im Detail nicht in jedem Punkt zu und weiß sicher, dass ich morgens keine grüngraue Körnerpampe mit Banane essen möchte – dann schon lieber ein leckeres Stück Baguette mit Salami oder Schinken; und auch nicht alle Dimensionen des Lebens erschließen sich mir auf die gleiche Art wie Dir. Aber dennoch – oder gerade deshalb – macht es Spaß Deine Gedanken und Argumente zu lesen!

      Also mach weiter so!

      Wenn das jetzt wie ein Lob klang, dann sag es mir nicht – ich würde es nie zugeben!!

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